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Weitblick für Bäckereien mit Zukunft – das neue Veranstaltungsformat des BIV West überzeugte durch zukunftsrelevante Themen, spannende Impulse und eine den Austausch fördernde Atmosphäre.
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Titelseite BÄKO-magazin Ausgabe 3-26
Innungen

Weitblick mit Praxisnähe

An „Bäckereien mit Zukunft“ richtete sich das neue Forum „Weitblick“ des BIV West am 28. August 2025. Die über den Dächern von Düsseldorf durchgeführte Veranstaltung zielte auf Praxisnähe und lebendigen Austausch. Und das kam gut an.

Das neue Format „Weitblick“ des BIV West präsentierte sich innovativ, locker und gesellig, ohne dafür an inhaltlicher Tiefe zu sparen. Das führte zu reger Beteiligung und viel Austausch. Vier Themenschwerpunkte aus den Bereichen Betriebswirtschaft, Produktion, Marketing und Berufsausbildung bestimmten die Agenda. Die durchdacht bemessenen Pausen nutzten die Teilnehmenden, um das Gehörte im Gespräch zu vertiefen und zu netzwerken. Rund 80 Bäckerbetriebe machten vom neuen Angebot Gebrauch. Nach der Begrüßung durch Henning Funke, Geschäftsführer des BIV West, führte Digital-Experte, Content Creator und Podcaster Christoph Krause als Moderator souverän und temporeich durch die Veranstaltung.

 

Künstliche Intelligenz (KI) im Bäckeralltag

Stefan Agethen, Betriebswirtschaftlicher Berater des BIV West, zeigte auf, bei welchen Alltagsaufgaben KI bereits gut eingesetzt werden kann und wo sie (noch) nicht gut funktioniert. Hilfreich sei KI vor allem in den Bereichen Textgenerierung, -zusammenfassung und -interpretation, Übersetzung, Programmierung, Datenanalyse und Ideenfindung. Beim Zählen, dem Umgang mit unstrukturierten Daten und der Erkennung von schlecht lesbaren Dokumenten gebe es insbesondere bei ChatGPT noch Verbesserungsbedarf. Bäckermeister Nicolas Biere (Bäckerei Biere, Detmold) berichtete via Sprachnachricht aus der Praxis. Er nutzt ChatGPT etwa zur Filial-Kostenstellenrechnung und zur Qualitätsoptimierung seiner Produkte. Das Programm sei eine gute Hilfe, um Abläufe zu analysieren und zu hinterfragen, berichtete er. Jedoch sei ChatGPT nur unterstützend, man müsse die von der KI gelieferten Ergebnisse selbst immer wieder kritisch hinterfragen. Das Ganze ähnele häufig einem Ping-Pong-Spiel aus Fragen und Rückfragen. Das bestätigte auch Stefan Agethen, der die KI entsprechend als Sparringpartner begreift und nutzt. Darüber hinaus sensibilisierte Agethen die Teilnehmenden hinsichtlich des Datenschutzes (Widerspruch gegen die Verwendung der eigenen Daten zum KI-Training) und dem Abfassen von unternehmenseigenen KI-Richtlinien. Mit „Rohstoff-Klaus“ (zur Bewertung des Rohstoffeinkaufs) und „Kalkulations-Mick“ (zur Kalkulationserstellung) wurden den Teilnehmenden zudem zwei KI-Tools (GPTs) „zum mit nach Hause nehmen“ vorgestellt.

Christoph Krause verdeutlichte, dass durch die KI-Entwicklung auch mit einem raschen Fortschritt in der Robotik zu rechnen sei. Mithilfe der KI könnten nun Menschen mit Maschinen kommunizieren, die das zuvor noch nicht gekonnt hätten. Vertiefte Kenntnisse im Programmieren seien dafür nun nicht mehr notwendig. Davor, dass sich das auch Kriminelle immer häufiger zunutze machen, warnte IT-Sachverständiger und -Forensiker Volker Wassermann. Kriminelle bedienten sich der KI z.B., um Schadcodes zu erstellen, die dann bspw. mit einer PDF per E-Mail versendet werden können. Unternehmen rät Wassermann dazu, IT-Sicherheitsexperten zurate zu ziehen und den eigenen Betrieb auf Herz und Nieren regelmäßig hinsichtlich der Sicherheit zu überprüfen. Es gebe viele Einfallstore, an die man nicht unbedingt denke, etwa ein nicht mehr genutzter, aber dennoch angebundener Router oder eine rund um die Uhr zugängliche VPN-Verbindung zum IT-Dienstleister. Für Detailfragen, etwa was alles in einen IT-Notfallordner gehöre, sei es ein guter Anfang, die KI danach zu befragen und deren Empfehlungen mit dem Status quo im Unternehmen abzugleichen. Henning Funke erinnerte am Ende des Panels daran, dass es seitens Bund und Ländern Förderprogramme gebe, die Maßnahmen zur Steigerung der IT-Sicherheit in Kleinen und Mittleren Unternehmen unterstützen.

 

Kunden besser verstehen

Susanne Kosche, Marketingberaterin beim BIV West, zeigte, wie sich Marktforschung für Bäckereibetriebe praxisnah einsetzen lässt. „Wer seine Kunden kennt, trifft bessere Entscheidungen“, ist sie überzeugt. Schritt für Schritt erläuterte sie, wie eine Kundenbefragung richtig vorbereitet, durchgeführt und analysiert werden kann. Ihre Empfehlung: Um Entwicklungen feststellen zu können, sollte eine solche Befragung etwa ein halbes Jahr später wiederholt werden. Ein Vergleich der Ergebnisse hilft dann dabei, den Erfolg der getroffenen Maßnahmen zu messen und weiteres Optimierungspotenzial zu identifizieren. Kosche zeigte das umfassende Unterstützungsangebot „Kundenkompass“ des BIV West zu diesem Thema auf. Von der Fragebogenerstellung über Kommunikationsmittel (Plakate, Sharepics etc.) bis hin zur Auswertung begleitet der Verband seine Mitgliedsbetriebe bei der Marktforschung.

 

Tagesproduktion mit Potenzial

Das folgende Panel bot einen vertieften Einblick in die Möglichkeiten der Tagesproduktion. Christof Nolte, betriebstechnischer Berater beim BIV West, verdeutlichte die Vorteile. Eine Umstellung könne u.a. dabei helfen, die Mitarbeiterzufriedenheit zu erhöhen und neue Mitarbeiter zu finden, um so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Wolfgang Vollmer, Fachlehrer an der Ersten Deutschen Bäckerfachschule in Olpe, erläuterte detailliert die Qualitätsverbesserungen, die durch Langzeitführung erreicht werden können; etwa durch den damit verbundenen Abbau von Phytinsäure und FODMAPs. Im Dialog mit den sehr am Thema interessierten Betrieben gab er zudem praktische Tipps zur Umstellung. Mit Blick auf die Produktion etwa empfahl er, nicht zu viele Parameter auf einmal zu verändern. Sonst wisse man nachher nicht mehr, welche Änderung wozu geführt hat. Anschließend schilderte Felix Duesmann, Betriebsleiter der Bäckerei Duesmann (Gronau), seine Erfahrungen. In den letzten Jahren hat er die Produktion seines Unternehmens schrittweise auf Tagesproduktion umgestellt und wertet diese „Reise“ als großen Erfolg. Das Wochenende sei mittlerweile arbeitsfrei, verschiedene Arbeitszeitmodelle eingeführt, Stress aus der Produktion rausgenommen – insgesamt sei die Mitarbeiterzufriedenheit durch die Umstellung erhöht worden; auch bei jenen, die anfangs skeptisch waren. Konstruktive Dialoge und Übergangsregelungen hätten dabei geholfen, den Wegfall von Zuschlägen und die Umstellung der gewohnten Arbeitszeiten für alle Seiten verträglich zu gestalten.

 

Fachkräfte aus dem Ausland

Der Abschluss des Tages galt einem viel beachteten Thema: Den Möglichkeiten zur Gewinnung von Nachwuchs- und Fachkräften aus dem Ausland. Megan Wehberg, Junior Personalreferentin bei der Bäckerei Terbuyken (Erkrath), und Linda Hartwig, Inhaberin Backhaus Hehl (Müschenbach), berichteten von ihren Erfahrungen mit Auszubildenden und Mitarbeitenden aus Vietnam. Ergänzend informierte Inga Zimmermann von der Agentur 4eign Talents – ein Start-up, welches sich auf die Unterstützung von Unternehmen in Deutschland durch die Rekrutierung internationaler Fachkräfte im Bereich der Handwerks- und Ausbildungsberufe spezialisiert hat – über Hintergründe und Ablauf der Verfahren. Während der Podiumsdiskussion mit reger Publikumsbeteiligung wurde u.a. deutlich: Die Azubis seien in der Regel sehr motiviert und fleißig, in der Einarbeitung seien aber Besonderheiten zu beachten. Sie sei zeitintensiver. Gerade junge Menschen sollten eng begleitet werden. Der Wechsel in eine andere Kultur erfordere nicht nur das Anlernen im Betrieb, sondern auch Hilfestellungen im Alltag, etwa bezüglich der Unterkunft, beim Spracherwerb oder der sozialen Integration, etwa durch Vereinsaktivitäten. Aber auch hinsichtlich der dualen Ausbildung bestehe oft erhöhter Informationsbedarf. Der Sinn der theoretischen Anteile sei nicht allen klar und müsse vermittelt werden. Regelmäßige Feedbackgespräche seien sehr wichtig, um Verbesserungspotenzial zu erkennen und die Integration zu erleichtern. Insgesamt sei es hilfreich, Netzwerke zu bilden und auszubauen, nicht nur zu Anbietern wie Sprachschulen, sondern auch zwischen den ausbildenden Betrieben. Durch den Erfahrungsaustausch ließen sich die Herausforderungen leichter stemmen. Michael Bartilla, Geschäftsführer BIV West, informierte darüber, dass seitens der Bäckerfachschule ein Ausbau integrativer Bildungselemente in Planung sei, um die Betriebe zu unterstützen. Er dankte den Teilnehmenden für den gewinnbringenden Austausch und dem gesamten Team des Verbands für die gelungene Organisation der Veranstaltung.

Allen, die bei der Premiere des Formats nicht dabei sein konnten, sei tröstend verraten: Eine Fortsetzung ist angekündigt. Der nächste Weitblick findet am 3. September 2026 statt und wird sicherlich ebenso hilfreiche und zukunftsrelevante Impulse bieten wie der diesjährige Take-off.

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Das Symbolbild zeigt eine Hand mit Smartphone in einer Bäckerei. Auf dem Display ist die Webapp der Bäckerei zu sehen. Links im Bild ist ein Like-Symbol, daneben ein Swipe-Symbol.