In Deutschland gibt es über 4.000 Innungen. Genau gesagt zählte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) 4.311 Innungen im Jahr 2024. Im Handwerk bilden Innungen ein zentrales fachspezifisches Rückgrat. Sie sorgen nicht nur für Qualität und vertreten Interessen gegenüber Politik und Gewerkschaften, sie informieren, vernetzen und beraten. Im backenden Handwerk setzen sich viele Menschen in den Innungen mit ganz viel Leidenschaft und Tatendrang für Auszubildende, Mitglieder und ihr Handwerk ein. Obwohl Innungen und ihre Akteure ganz wichtige Funktionen ausführen, sehen sie sich zunehmend vor große Herausforderungen gestellt. Dass dadurch Rolle und Leistungsfähigkeit der Innungen unter Druck geraten, verdeutlicht ein an der Bergischen Universität Wuppertal durchgeführtes Forschungsprojekt.
Breit angelegte Studie
Zwischen 2021 und 2024 führte das Team um die Politikwissenschaftler Prof. Dr. Detlef Sack und Dr. Sebastian Fuchs das Forschungsprojekt „Innungen, Tarifbindung und Mitbestimmung im Wandel“ durch. Ziel war es, Organisationsherausforderungen,
-entwicklungen und -strategien der deutschen Handwerksinnungen zu ergründen. Hierfür wurden über 1.000 Haupt- und Ehrenamtliche im Handwerk sowie rund 100 Expert(inn)en in Handwerksorganisationen und Gewerkschaften befragt und die Ergebnisse durch weitere Recherchen ergänzt. Die Untersuchung arbeitet vier zentrale Bereiche heraus, in denen die Innungen besonders herausgefordert sind:
- rückläufige Organisationsentwicklung,
- nachlassende Mitgliederzahlen und Engagementbereitschaft,
- Ressourcenprobleme,
- Koordinationserfordernisse im Geflecht der Organisationen der handwerklichen Selbstverwaltung und Interessenvertretung.
Langfristiger und flächendeckender Rückgang
Auf Basis von Daten des ZDH stellt die Untersuchung einen starken Rückgang beim Organisationsbestand fest: Zwischen 1996 und 2024 sank die Zahl der Innungen in Deutschland von 6.674 auf 4.311. Das sind 2.363 Innungen weniger seit 1996 – ein Rückgang von 35% in rund 30 Jahren. Bei der Zahl der Betriebsstätten lässt sich ein gegenläufiger Trend ausmachen, nämlich ein Zuwachs von 22% zwischen 1998 und 2022. Entsprechend konstatiert die Studie einen langfristig anhaltenden organisatorischen Rückgang. Dieser sei zudem auch flächendeckend. Die Zahlen des ZDH zeigen, dass ostdeutsche und westdeutsche Bundesländer mit nur geringfügigen Unterschieden davon betroffen sind. Ein Vergleich der Bundesländer zeigt, dass Sachsen-Anhalt (52%), und Rheinland-Pfalz (47%) im Zeitraum 1996–2024 überdurchschnittlich viele, Mecklenburg-Vorpommern (9%), Thüringen (26%) sowie die Stadtstaaten Berlin (24%) und Hamburg (12%) die wenigsten Innungen verloren haben.
Knappe Ressourcen
Auch zwischen den Gewerbegruppen des Handwerks macht die Studie große Unterschiede bei der Entwicklung des Innungsbestands aus. Zwischen 1996 und 2021 waren insbesondere die Bekleidungs-, Textil- und Lederhandwerke von einem überdurchschnittlich starken Rückgang des Innungsbestands betroffen (–72%). Der durchschnittliche Rückgang in diesem Zeitraum über alle Gruppen hinweg betrug –32%. Ebenfalls überdurchschnittlich fällt der prozentuale Rückgang bei den Nahrungsmittelhandwerken aus (–49%). Auch die Mitgliederzahlen der Innungen sind insgesamt rückläufig. Dies stellt die Handwerksorganisationen vor Ressourcenprobleme, die auch die Aufgabenerfüllung in den Arbeits- und Tarifbeziehungen betreffen. In den Nahrungsmittelhandwerken sowie den Bekleidungs-, Textil- und Lederhandwerken ist der Rückgang bei den Mitgliederzahlen laut Erhebung überdurchschnittlich ausgeprägt. Als weitere Belastungsfaktoren für die Innungen kämen zunehmend sinkende Budgets und insgesamt weniger Engagement hinzu. Im Ergebnis sei ein Verlust der lokalen Verankerung der Innungen und ein Rückgang der ausdifferenzierten, gewerbespezifischen Interessenrepräsentation in der Fläche festzuhalten, urteilt die Studie.
Die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Innungen, Tarifbindung und Mitbestimmung im Wandel“ finden sich hier zum Download.










