Der Energiemarkt befindet sich laut Dr. Dirk-Siegfried Hübner von Hübner Energie Consulting (Bad Neuenahr-Ahrweiler) in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Zugleich führten geopolitische Risiken – wie zuletzt die Eskalation rund um zentrale Transportwege – zu einem dauerhaften Risikoaufschlag und erhöhter Unsicherheit im Markt. Besonders Erdgas stehe weiter unter geopolitischem Risikoaufschlag, während sich der Strommarkt in Deutschland zwischen strukturell sinkenden Langfristpreisen und kurzfristig sehr hohen Spot-Spitzen bewege.
Volatiler Strommarkt
Der deutsche Strommarkt hat sich dem Experten zufolge nach der Energiekrise weitgehend stabilisiert. Dennoch bleibe er von dauerhaft höheren Preisen und einer deutlich gestiegenen Volatilität geprägt. Bis 2030 zeichne sich ein tiefgreifender struktureller Wandel ab: Der Strombedarf wachse moderat auf etwa 530 TWh, schätzt Hübner. Steigende CO₂-Preise verteuerten fossile Stromerzeugung. Gleichzeitig steige die erneuerbare Stromerzeugung massiv – nahezu eine Verdopplung gegenüber 2024. Für den Umbau des Energiesystems seien Investitionen von rund 721 Mrd. Euro erforderlich. Die Großhandelspreise bleiben aus Sicht des Energieberaters langfristig über dem Niveau vor 2021, jedoch unter den Krisenspitzen. Für Endkunden könnten die Preise real stabil bleiben oder leicht sinken – etwa auf rund 38 ct/kWh bis 2030. Gleichzeitig nehme die Volatilität deutlich zu: Es sei mit mehr Stunden mit sehr niedrigen oder negativen Preisen sowie mit mehr kurzfristigen Preisspitzen zu rechnen.
Gasmärkte auch mittelfristig unter Druck
Die jüngste geopolitische Eskalation im Nahen Osten hat den globalen Gasmarkt kurzfristig massiv unter Druck gesetzt – mit spürbaren Folgen für Europa und Deutschland. Das habe Auswirkungen auf den Marktausblick bis 2030, erläutert Dr. Dirk-Siegfried Hübner. Der bisher erwartete Preispfad (Rückgang auf etwa 20–30 Euro/MWh bis Ende der 2020er-Jahre) sei kurzfristig hinfällig. Stattdessen etabliere sich ein strukturell höheres Preisniveau durch einen dauerhaften geopolitischen Risikoaufschlag. 2026 und 2027 sei mit hohen Preisen (>60 Euro/MWh), starker Volatilität und erhöhtem Versorgungsrisiko zu rechnen. Ab 2028 sei eine Entspannung möglich, jedoch auf höherem Preisniveau als früher angenommen. Gas bleibe in Deutschland mittelfristig teurer als bislang prognostiziert. Der Druck zur Reduktion der Gasnachfrage steige deutlich. Unternehmen rät Hübner zu einer Beschaffungsstrategie mit stärkerer Diversifikation zwischen Spotmarkt, Terminmarkt und langfristigen Lieferverträgen. Zudem sei ein beschleunigter Umstieg auf Elektrifizierung, Biomasse oder Wasserstoff, wo technisch möglich, eine sinnvolle strategische Anpassung. Wichtig seien überdies der Ausbau redundanter Bezugsquellen, Pufferlager und Flexibilität in Produktionsprozessen (z.B. Brennstoffwechsel).
Neue Erfolgsfaktoren
In der Gesamtbetrachtung ist laut Dr. Dirk Siegfried Hübner bis 2030 von einem Energiesystem auszugehen, das durch höhere strukturelle Kosten, stärkere Preisschwankungen und wachsende Unsicherheiten gekennzeichnet ist. Für Unternehmen bedeute dies, dass klassische Beschaffungsstrategien allein nicht mehr ausreichten. Vielmehr würden Flexibilität, Diversifikation, aktive Preisabsicherung sowie die konsequente Reduktion fossiler Abhängigkeiten zu entscheidenden Erfolgsfaktoren werden. Wettbewerbsvorteile entstünden künftig weniger durch niedrige Energiepreise als durch die Fähigkeit, mit Volatilität und Risiken professionell umzugehen.










